Soziologische Beratung bei einem unternehmerischen Engagement
der Entwicklungszusammenarbeit

 
 
Projektteam Prof. Dr. Claus-Heinrich Daub
Yvonne Scherrer

Hochschule Universität Basel
Unternehmen Knecht&Müller AG, Stein am Rhein
Hintergrund

Die Knecht & Müller AG aus Stein am Rhein zählt mit einer Jahresproduktion von ca. 250.000 Brillengläsern und mit rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu den führenden Herstellern von Rezeptbrillengläsern in der Schweiz. Bereits ab Mitte der 1990er Jahre begann die Geschäftsführung, das Unternehmen systematisch in Richtung eines nachhaltigen Managements auszurichten.

Problemstellung

Aus dieser Unternehmensphilosophie heraus erwuchs die Überlegung eines längerfristigen sozialen Engagements in einem zunächst noch nicht näher bestimmten gesellschaftlichen Handlungsfeld. Der Begriff des „Engagements“ wurde dabei im ersten Moment bewusst hinreichend breit begriffen und umfasste das Spektrum von der Konzeption und Durchführung eines völlig eigenständigen (Hilfs-)Projekt des Unternehmens über die finanzielle, materielle und/oder ideelle Unterstützung eines bereits existierenden Projekts oder Programms einer Hilfsorganisation oder ein rein finanzielles Engagement in Form einer schlichten Spende.

Da der Geschäftsführung von vorneherein bewusst war, dass sie sich mit dem geplanten gesellschaftlichen Engagement in einen Bereich vorwagen würde, in welchem ihr das nötige Know-how fehlte, suchte sie zunächst nach einem Partner für eine strategische Allianz und fand sie in den og. Mitgliedern des IfSM. Gemeinsam mit diesen legte sie die Rahmenbedingungen des anvisierten Engagements sowie des Prozesses fest, der zu einer konkreten Aktion führen sollte. Das Projektteam orientierte sich dabei einerseits an Erkenntnissen aus der soziologischen Beratung zur nachhaltigen Organisationsentwicklung andererseits an Richtlinien zu Identifikation und Management konkreter Projekte im Rahmen einer übergeordneten CSR- oder Corporate-Citizenship-Strategie.

Vorgehen

Aus den Verhandlungen resultierten die folgenden prinzipiellen Anforderungen an das geplante Engagement:

Eine zentrale Anforderung an das im Projektverlauf zu entwickelnde Engagement bestand in dessen Pilotcharakter: das Unternehmen wollte den Prozess der Entwicklung des Engagements als einen transdisziplinären Lernprozess verstanden wissen, in dem gemeinsam mit einem externen Partner Wissensbestände erarbeitet werden sollten. Damit direkt verbunden war die (Teil-)Anforderung, dass das Projekt nicht zu komplex angelegt werden sollte.
Eine weitere, eng mit erstgenannter Anforderung zusammenhängende Überlegung bezog sich auf den Förderungscharakter des Prozesses: der Prozess der angewandten Forschung selbst sollte als ein soziales Engagement des Unternehmens verstanden werden und selbst dann zu einem positiven Effekt führen, wenn die Ergebnisse der Analysen des noch zu bestimmenden Handlungsfeldes zeigen sollten, dass darin kein Engagement mit einer ausreichenden sozialen Wertschöpfung möglich sein würde.
Der angestrebte Innovations- und Vorbildcharakter sollte das Projekt wiederum in zweierlei Hinsicht bestimmen: erstens im Sinne eines innovativen Vorgehens bei der Entwicklung des „Endproduktes“, zweitens im Sinne der Verdeutlichung, dass auch kleine Unternehmen durchaus in der Lage sein können, ihren Teil zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen
Bewusst weniger schwer wiegen sollte der ökonomische Innovationscharakter bzw. der „Business-case-Charakter“ des Projekts, wenngleich eine inhaltliche Nähe des Engagements zur Geschäftstätigkeit der Knecht & Müller AG angestrebt wurde.

Das Team entschied sich schliesslich dafür, ein entwicklungspolitisches Problemfeld auszuwählen und dieses durch eine Gruppe Studierender sozialwissenschaftlicher Fächer im Rahmen eines Projektseminars an der Universität Basel analysieren zu lassen. Damit waren zwei Zielsetzungen verbunden: die Studierenden sollten die Möglichkeit erhalten, sich mit Methoden der empirischen Sozialforschung auseinanderzusetzen und diese in Gruppenarbeit anwenden zu lernen. Das Unternehmen wiederum sollte sich einen Überblick über die Akteure und deren Erfahrungen sowie bereits existierende Kooperationen und Projekte in dem entwicklungspolitischen Problemfeld verschaffen können und auf dieser Basis ein konkretes Engagement definieren können. Als Problemfeld, innerhalb dessen ein soziales Engagement des Unternehmens prinzipiell sinnvoll und möglich sein könnte, wurde der Bereich der Sehhilfen für Menschen festgelegt, welche materiell nicht in der Lage sind, sich diese zu leisten. Als (mittelfristiges) Ziel eines Engagements wurde festgelegt, dass ein mögliches Engagement einen positiven Beitrag zur Entwicklungszusammenarbeit dergestalt leisten solle, dass im Ergebnis möglichst vielen Menschen mit Sehbehinderungen, die sich eine Korrektur derselben nicht leisten können, optimal geholfen würde.

Mit dieser Wahl war in jedem Fall ein direkter Bezug zur Geschäftstätigkeit des Unternehmens Knecht&Müller sichergestellt. Gleich, welches konkrete Engagement sich nach der Evaluationsphase ergeben würde, sollte auf diese Weise die Fähigkeit des Unternehmens, in diesem Bereich sozial positiv wirken zu können, gegeben sein.

Am Beginn der Forschungsarbeit stand zunächst eine ausführliche Einführung der Studierenden in die der Forschungsthematik zugrundeliegenden Problemstellungen der Entwicklungszusammenarbeit sowie der Thematik der Corporate Social Responsibility. Zugleich wurden sie auf Basis einschlägiger Literatur in Techniken der qualitativen Sozialforschung eingeführt. Anschliessend wurden weitreichende Recherchen unter primärer Nutzung des Internet angestellt, um einen ersten Überblick über das Problemfeld „Augenleiden und Sehbehinderungen“ und die darin entwicklungspolitisch tätigen Akteure zu erhalten.

Aus den Erkenntnissen leitete das Forschungsteam sechs Einzelprojekte ab, durch die das Problemfeld aus möglichst verschiedenen Perspektiven ausgeleuchtet wurde. Angesichts der geschilderten Ausgangslage konzentrierte sich die Projekte dabei in erster Linie auf die Thematik „Sehschwächen“ bzw. Korrektur derselben, da sich der Auftraggeber in diesem Feld aller Wahrscheinlichkeit nach weiter engagieren würde. Ein detaillierter Forschungsplan garantierte dabei, dass die Einzelprojekte inhaltlich und zeitlich gut aufeinander abgestimmt waren und es nicht zu unnötigen Überschneidungen – z.B. durch die Kontaktaufnahme zu einem Experten durch zwei Gruppen parallel – kommen konnte.

Ergebnisse

Betrachtet man den Verlauf des Gesamtprojekts und die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen aus den sechs Einzelprojekten aus Sicht des auftraggebenden Unternehmens, so lässt sich zweifelsohne ein direkter Nutzen erkennen, der sich im Wesentlichen aus zwei Aspekten zusammensetzt:

Zunächst völlig unabhängig von der Qualität der Ergebnisse konnte das Unternehmen erstens seine Auftragsvergabe an eine studentische Forschungsgruppe als eigenständiges gesellschaftliches Engagement verstanden wissen. Das Engagement entsprach dabei im Übrigen den zunehmenden Forderungen an Unternehmen an einer Professionalisierung ihrer „Wohltätigkeitspraxis“ bzw. ihrer „Corporate Philantropy“ insofern, als es zwar das Risiko einer nicht vollständig professioniellen Vorgehensweise der (studentischen) Auftragnehmer in Kauf nahm, sich indes absicherte, indem es diese Studierenden von erfahrenem wissenschaftlichem Fachpersonal begleiten liess.
Als zweiten Nutzen erzielte die Knecht&Müller AG einen prinzipiellen Erkenntnisgewinn im entwicklungspolitischen Problemfeld „Sehbehinderungen“. Insbesondere konnten ihr die wichtigsten Akteure, deren Vernetzung sowie Aktivitäten präsentiert werden. Damit konnte sich das Unternehmen zugleich ein Bild machen über die – teilweise überraschend als solche identifizierten – „Nicht-Akteure“, fehlende Vernetzungen und Felder, in denen keine oder nur unzulängliche Aktivitäten stattfinden. Zumindest ansatzweise konnte das Forschungsteam darüber hinaus feststellen, welche „Schwachpunkte“ existierende Akteure, Netzwerke und Engagements aufweisen.

Das Projekt diente schliesslich als Pilot, um die Möglichkeiten soziologischer Forschung und Beratung bei sozialen Engagements von Unternehmen zu zeigen.